Besuch vom Zukunfts-Ich

by Oliver W Schwarzmann

Besuch vom Zukunfts-Ich

Es war wieder eine dieser Nächte, in denen mich die Migräne quälte.
Mein Kopf schmerzte so sehr, dass ich es nicht wagte, ihn wegen des Drucks auf das Kopfkissen
zu legen, weshalb ich aufrecht im Bett saß. Zugleich kämpfte ich mit einer fürchterlichen Übelkeit,
die von dem aufgetretenen Schwindel ausgelöst wurde.
Regelmäßig, etwa ein- bis zweimal im Monat, greift dieser schreckliche Zustand unerbittlich nach
mir und der Schmerz ist dann so gewaltig, dass ich mich der Realität entrückt fühle.
In diesen extremen Momenten kommt es mir vor, als könnte ich meinen Körper verlassen und mich von der Zimmerdecke aus selbst betrachten. Ab und an verwandelt sich auch der vom Kopfschmerz verursachte Tinnitus in eine Art Meeresrauschen und ich glaube, unter Wasser zu sein.
Welche rätselhaften Eindrücke sich auch immer einstellen mochten, mein Gehirn befindet sich bei jeder dieser unerbittlichen Attacken im Ausnahmezustand.
Und in einem dieser Augenblicke begegnete ich einem Schatten, der plötzlich neben mir auf dem
Bett saß. Es gelang mir nicht, ihn genau zu erkennen, es mochten vielleicht Umrisse gewesen sein,
die ich erspähte, aber eigentlich spürte ich nur seine Anwesenheit.
„Wer bist du?“, fragte ich.
Aus der dunkelsten Stelle der Nacht schien die Antwort in das Zimmer zu fallen: „Du kennst mich.“
Mir war es so, als sei der Tod im Raum, gekommen, um mich abzuholen. Ja, ich würde jetzt sterben, aber kaum hatte ich diesen angsterfüllten Gedanken zu Ende gedacht, unterbrach mich die schwarze Erscheinung mit den Worten: „Ich bin du. Ich bin dein Zukunfts-Ich.“

„Wie kann das sein?“, wollte ich wissen und fügte an: „Das ist doch alles ein Traum, nichts weiter als eine Einbildung, eine Halluzination von den Schmerzmitteln.“
„Wie auch immer du mich bezeichnen magst“, sagte die Gestalt, „ich bin hier.“
Ich selbst war nur fähig, meine Frage zu wiederholen: „Wie ist das möglich?“
Der geisterhafte Umriss bewegte sich und fing an zu sprechen: „Nun, alles, was wir erleben können, existiert bereits in der Zukunft – als eine Möglichkeit. Alles ist bereits vorhanden, nur noch nicht von den Menschen erlebt.“
„Dann steht in der Zukunft also schon alles fest“, erwiderte ich.
„Nein, ich sagte: alles ist bereits vorhanden. Die Zukunft ist die Summe aller Möglichkeiten. Und jeder Mensch entscheidet selbst, welche Zukunft für ihn entsteht.“
„Aber warum passieren dann Dinge, die wir nicht beeinflussen können?“
„Weil die Zukünfte aller Menschen miteinander verknüpft sind. Jede Entscheidung und jede Handlung beeinflussen wiederum die der anderen.“
„Dann haben wir also keinen freien Willen?“, hakte ich nach.
„Doch“, betonte der Schatten, „aber wir sind nicht allein. Auch der freie Wille des anderen ist von Belang.“
„Es ist oft so schwer, sich zu entscheiden“, sagte ich.
„Aber ihr habt Hilfe dabei.“
„Welche Hilfe?“, wollte ich wissen.
„Euch selbst.“
„Uns selbst?“
„Nun“, begann die Gestalt erneut, „von jedem Menschen existiert bereits eine zukünftige Vision.“
„So wie du von mir“, entgegnete ich.
„Genau“, und es war mir, als würde die Erscheinung nicken, bevor sie weitersprach: „Ich als dein Zukunfts-Ich bin ein mögliches ‚Ich‘ von Dir in der Zukunft.“
„Du bist also noch nicht real“, warf ich ein.
„Nein, aber das heißt nicht, dass ich nicht vorhanden bin. Ich bin als dein kommendes Du einfach noch nicht existent.“
„Ganz schön verwirrend“, bemerkte ich und spürte, dass ich im Moment des Gesprächs keinerlei Schmerzen hatte.   
„Nun“, nahm die Silhouette ihre Worte wieder auf, „da sich alles Leben nicht in die Zukunft entwickelt, sondern aus der Zukunft entfaltet, kann dein künftiges Ich Einfluss auf dein heutiges Ich nehmen.“
„Du meinst …“, ich machte eine Pause.

„Ja“, sagte das nach wie vor seltsam wirkende Phantom, „ihr alle bekommt Nachrichten von Euren Zukunfts-Ichs. Ihr versteht sie nur nicht. Woher glaubst du denn, kommen die Geistesblitze?
Die plötzlichen Einfälle? Die spontanen Ideen? Oder woher nimmt der Bauch wohl seine Weisheit?
Die Intuition ist kein Gefühl, sie ist eine empfangene Botschaft. Oder denke nur an den sechsten Sinn. Er ist ein direkter Draht zu deiner eigenen Zukunft. Und wer flüstert dir wirklich zu, wenn du deine innere Stimme hörst? Ihr steht mit eurer Zukunft direkt in Verbindung.“
Ich hielt den Atem an.
„Und wir, die Zukunfts-Ichs“, fuhr die dunkle Gestalt fort, „sind von euren gegenwärtigen Entscheidungen abhängig. Euer Handeln ist unser Schicksal. Ihr entscheidet selbst, wer ihr sein werdet. Und wir versuchen euch mitzuteilen, wer ihr sein könntet.“
„Wir sind schlechte Zuhörer, oder?“, gab ich zu.      
„Ja, leider“, erwiderte mein Zukunfts-Ich“, „ihr hört nicht auf euch selbst, erkennt nicht eure Möglichkeiten.“
„Aber“, versuchte ich mich zu verteidigen, „in Vergangenheit habe ich keine Botschaften von dir erhalten. Nein, das wüsste ich.“
„Das stimmt nicht“, widersprach mein Ich aus der Zukunft, „erinnere dich an deine Träume. Deine Eingebungen. Ahnungen. Und Visionen. Oder an die merkwürdigen Zufälle. Und so manches Déjà-vu.“
„Die habe ich nie ernst genommen“, und mir wurde bei der Antwort plötzlich klar, welche Chancen ich verpasst hatte.
„So ist es. Ihr verlasst euch nur auf eure Erinnerungen. Und misst euch deshalb immer daran, was ihr gewesen seid, nicht, was ihr sein könntet.“
„Da habe ich vieles falsch gemacht“, konstatierte ich und atmete enttäuscht aus.
„Sich über Vergangenes zu ärgern“, meinte mein schattenhaftes Gegenüber, „ist völlig sinnlos. Jede Wahl wie auch jede Tat haben dich zu dem gemacht, was du heute bist. Du hast jeweils ein Zukunfts-Ich von dir realisiert. Die Alternativen kanntest du nicht oder sie waren dir nicht wichtig genug, daher bleiben die verpassten Möglichkeiten eine reine Illusion. Ihnen nachzuhängen, ist vergeudete Zeit. Konzentriere dich auf deine Zukunft.“
„Wenn ich früher gewusst hätte, was ich heute weiß …“, sinnierte ich vor mich hin.
„Dann“, griff mein Zukunfts-Ich den Satz auf, „wüsstest du heute etwas völlig anderes. Weil du ein anderes Zukunfts-ich gewählt hättest. Du wärst also ein anderer Mensch geworden.“
„Ein anderer Mensch …“, wiederholte ich nachdenklich und sprach weiter „… der wäre ich oft gerne.“   
„Du kannst dich jederzeit verändern“, sagte der Schatten, „es warten unzählige Zukunfts-Ichs auf dich.“
„Aber wie soll ich das nur anstellen?“, fragte ich.
„Nutze die Signale, die dir deine Zukunfts-Ichs schicken.“
„Du meinst meine Träume, Visionen, Vorstellungen?“
„Ja. Sie alle sind mögliche Versionen von dir. Aber bedenke, dass sich deine Zukunft nicht nur für dich allein erfüllt. Alles Zukünftige ist miteinander verbunden. Du musst also auch die Zukunft der anderen im Blick haben.“

Meine Stirn brannte, als ich aufwachte, auch mein Körper war schweißgebadet. Langsam setzte ich mich aufrecht hin und stützte mich mit den Armen ab. Meine Schmerzen waren verschwunden, aber ich fühlte mich noch schwach. Und zitterte.
Was war das nur für ein Traum, den ich heute Nacht hatte? Ich schüttelte den Kopf. Besuch von meinem Zukunfts-Ich? Mein Gehirn hatte mir da etwas Irres vorgegaukelt. Das lag sicherlich an den Tabletten. Anders konnte das nicht sein. Auf meinem Nachttisch befand sich ein Zettel, auf den ich vermutlich während des Traums etwas gekritzelt hatte. Ich sah mir die Notiz an. Auf dem Stück Papier stand: „Schreibe die Geschichte nieder. Sie wird dein Leben verändern.“
War das ein Zeichen?
Eine Botschaft?
Ich schrieb das Erlebte – oder soll ich sagen: Erträumte? – auf.
Seither achte ich vielmehr auf meine Eingebungen, Ahnungen und Gefühle.
Seither versuche ich auch, Zufällen anders zu begegnen. Denn mein Ich aus der Zukunft hatte noch etwas gesagt: „Einen Zufall gibt es nicht. Der Zufall ist eine Ausrede, um nicht in größeren Zusammenhängen denken zu müssen. Doch genau darin liegt der Sinn der Zukunft.“
Und ja, seither hat sich mein Leben tiefgreifend verändert.

Euer Oliver W. Schwarzmann

(Illustration/Bild: Dosha Yukhymynk)

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