Brillanten auf schwarzem Samt

by Oliver W Schwarzmann

Brillanten auf schwarzem Samt

Anfang der 1980er Jahre verschlug es mich nach Hawaii.
Der Freund meines ehemaligen Kunstlehrers machte die Reise möglich, leitete alles in die Wege, sorgte für das Nötige.
Zum Glück, denn ich musste raus.
Ein paar Monate zuvor hatte ich die Schule abgeschlossen, die mir von Anfang an als vergeudete Zeit erschien, und sollte nun in Kürze auch noch eine spießige Kaufmannslehre antreten, die überhaupt nicht zu meinen Vorstellungen vom Leben passte.
Ich fühlte mich als Alltagsbrüchiger, der die verfluchte Insel der vorgefertigten Normalität schleunigst verlassen wollte. Und so landete ich in der Südsee im Regenbogenstaat mit einer Adresse auf einem Zettel, die mich zu einer kleinen Kolonie von New Agern führte, die sich am Lanikai Beach auf der hawaiianischen Hauptinsel Oahu befand.

Lanikai bedeutet so viel wie „himmlisches Meer“, was den außergewöhnlichen Platz mit dem wunderbaren Blick auf den unendlich wirkenden Pazifik treffend beschreibt.
Der Strand war perfekt; mit seinem weißen, feinen Sand, gesäumt von gigantischen Palmen wirkte
er wie ein Zauberteppich, eigens für mich ausgerollt.
In der Nähe liegt die Stadt Kailua; ein Ort mit wenig Lärm und einer Menge entspannter Menschen, wie man sie auf Hawaii überall trifft. Das Lebensmotto heißt „Hang loose“, ein Gruß der Surfer,
der so viel bedeutet wie „immer locker bleiben“ und vom Shaka-Zeichen begleitet wird, das man
mit der Hand macht – eine Faust, bei welcher der Handrücken nach oben zeigt, dabei der Daumen und der kleine Finger abgespreizt werden. Zudem wird man zu jeder Zeit und an jeder Stelle mit einem freundlichen „Aloha“ willkommen geheißen.
Ein anderer Geist.
Eine andere Welt.
In dieser war ich nicht allein angekommen.
Während des Hinflugs lernte ich beim Zwischenstopp in Enchorage, Alaska am Einreiseschalter
eine Elvis-Revival-Band kennen.
Lauter junge Kerle wie ich.
Voller Energie.
Voller Träume.
Voll mit Bier.
Wir tranken gegen die Angst vor dem Fliegen. Und der Rock’n Roll war unser gemeinsamer Soundtrack, der Rhythmus, nach welchem unsere Herzen schlugen.
Die Jungs waren für eine private Konzertreihe auf der Insel gebucht worden und hatten sich in
einem Hotel in Honolulu eingemietet, etwa 16 Kilometer von Kailua entfernt. Beim Ausstieg aus
der Maschine stürzte einer der Gitarristen im Vollrausch die Flugzeugtreppe hinunter und verletzte sich am Handgelenk.
So sprang ich ein.

Tagsüber probten wir in Lanikai oder Kailua und dreimal in der Woche, donnerstags, freitags und samstags, sah man uns spielen auf der Privatbühne in der Villa eines superreichen und monströs beleibten Texaners und seiner zierlichen Frau, die aus Heidelberg stammte.
Das Ehepaar Edgar und Judith gab rauschende Partys, das war ihr Lebenszweck: Shoppen, Barbeque, Privatkonzerte.
ED & JUDY, wie an ihrer Tür in großen und farbig gestrichenen Holzbuchstaben zu lesen stand,
waren perfekte Gastgeber.
Doch das leichte Leben war kein Müßiggang für das Ehepaar, sondern eine bewusst eingeschlagene Umleitung. Eine Ablenkung.
Denn Judy, die zerbrechliche Frau aus Heidelberg, hatte Krebs, bereits weit fortgeschritten, und wir spielten zum Schluss des Konzerts stets ihren Lieblingssong von Elvis: „Muss i denn zum Städtele hinaus …“. Judy weinte bitterlich, Ed weinte, wir weinten.
Aber sie wollten das Lied trotzdem an jedem unserer Konzertabende hören. Die Beiden liebten die Musik, sie liebten die Band und sie liebten mich. Mich besonders, zum einen, weil ich wie Judy aus Deutschland kam. Zum anderen, weil „du ein glaubwürdiger Träumer bist“, wie es Ed gerne sagte.

Nach ein paar Wochen zog ich von meiner Strandmatte unter einem Sonnensegel am Lanikai Beach ins pompöse Gartenhäuschen des kinderlosen Ehepaars. Es machte ihnen Spaß, mich zu verwöhnen. Ich blieb, spielte mit der Band „Muss i denn zum Städtele hinaus“, versuchte, surfen zu lernen, nahm alles locker. Endlich war ich in meinem Leben angekommen, ja, mehr noch – ich wurde ein Hawaiianer.
An einem meiner freien Tage saß ich auf einem Surfbrett im Meer, neben meinem Surflehrer Israel, einem wuchtigen Insulaner und spirituellen Führer. Wir redeten über das Sterben, über den Tod und von der Existenz an sich, auch darüber, dass Seelen, die sich einmal berührt haben, auf immer verbunden sind und dass das Licht der Verstorbenen wie das Leuchten der Sterne unvergänglich ist. Dabei ließen wir uns von der magischen Kraft der Wellen tragen, schauten uns beim Gespräch in die Augen, während das weiße Strahlen der Sonne auf dem Wasser glitzernd tanzte. Es war warm und die Weite des Horizonts schien ich in meiner Seele spüren zu können. Zum ersten Mal empfand ich das Gefühl einer universalen Freiheit, glaubte zu verstehen, was Israel mit der „Einheit der Welt“ meinte.

Plötzlich schwamm ein riesiger Schatten direkt unter unseren Beinen im Wasser umher. Ich hatte die dunkle Silhouette erst gar nicht bemerkt, Israel schon. Sein ruhiger Blick folgte dem düsteren Umriss, der im Wasser kreiste. Und dann geschah alles wie in einem Film.
Nach zwei schnellen Umdrehungen kam der Hai nach oben, das riesige Maul und die schwarzen Knopfaugen ragten aus dem Wasser, direkt zwischen unseren Brettern, ich war erstarrt und musste mich übergeben.
Israel legte seine Hand auf die Spitze des Monsterkopfes und das Tier hielt einen kurzen Moment lang inne, tauchte ab und verschwand im Nirgendwo der unsichtbaren Tiefe. Anschließend sah mich der Hawaiianer mit einem Lächeln an und sagte: „Auch die größte Bedrohung weicht vor der Liebe.“
An diesem Abend spielten wir eine Stunde später und ich konnte die Gitarre nicht richtig halten wegen meines Zitterns, das fast eine eine Woche lang anhielt. Ed klopfte mir jeden Tag auf die Schulter.

Judy begann eines Morgens stark zu husten, spuckte Blut und bekam Fieber. Sie würde bald gehen müssen, das war uns allen bewusst. Nach zwei Tagen voller Schmerzen und vielen Tränen hatte die zierliche Frau aus Heidelberg die letzte Schwelle überschritten. Danach war nichts mehr wie vorher.
Die Leichtigkeit, mit der wir die Tage verbracht hatten und uns durch die Nächte spielten, war verflogen. Wir ertranken im kalten Blau größter Trauer.
Die Band flog zurück; Ed versuchte mich zum Bleiben zu überreden. Ich unterstützte ihn noch eine Zeit lang.
Mit dem Tod ist das Leben überall gleich. Alles wird unbedeutend, klein und nichtig. Das Dasein verliert seine Helligkeit wie die Sonne ihr Leuchten, wenn das Schwarz der Nacht nach dem ausgehenden Tag greift. Und nichts kann diesen Fortgang aufhalten. Auch alles Geld der Welt nicht; Ed hatte das mit der Wucht seines riesigen Vermögens versucht. Er stemmte sich gegen das unabwendbare Schicksal wie ein verzweifelter Stier in der Endphase eines verlorenes Kampfes.
Aber Ed begriff in diesen schweren Stunden, dass nichts von Dauer ist.
Der Tod ist ein Sturz in eine unbekannte Leere. Dabei spielen wir uns auf, als seien wir unsterblich … aber das sind wir nicht“, sagte er immer wieder. Der große, dicke Mann zeigte seine kleine, dünne Seele; er liebte und litt wie ein Kind. Wie ein Kind, das mit vollem Herzen und leeren Händen einem entwichenen Luftballon hinterherschaute.

Das Leid gleicht dem Schatten eines Hais, der dich verschlingen will. Man muss ihm widerstehen, aus der Finsternis heraustreten, erneut zum Licht finden, „du darfst nicht fliehen, sondern musst zurück zur Liebe gehen“, sagte Israel. Ich hatte meinen Lehrer zu Ed geführt. Das war das Einzige, was ich für das gebrochene Herz des Texaners tun konnte.
Der Südseetraum war zu Ende gegangen, der Regenbogen hatte seine Farben verloren.
Aber es gab auch Hoffnung. 
Ich war der Bestie entkommen, konnte daher nicht mehr vor dem Leben davonlaufen.
Damit war Schluss. Das wusste ich. 
An einem der kommenden Abende bestieg ich das Flugzeug, sah anschließend aus dem kleinen Fenster der Maschine in die unendliche Kulisse des Nachthimmels.
Die Sterne leuchteten wie hingeworfene Brillanten auf schwarzem Samt.
Einer davon war Judy.

Euer Oliver W. Schwarzmann

(Illustration/Bild: Jeremy Bishop)

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