Harald F. und der Glaube an die Würde

by Oliver W Schwarzmann

Harald F. und der Glaube
an die Würde

Harald F. nickte.
Und der Barkeeper stellte ihm einen neuen Drink auf die Theke.
Harald F. nickte erneut und griff nach dem gefüllten Glas.
Das Leben ist wie eine Bar, wo jeder an seinem Drink festhält, dachte er sich.
Wie an einer Hoffnung.
Doch das Leben schien sich nicht für Hoffnungen zu interessieren.
Die Zeit verstrich unberührt von allem im Nirgendwo, so wie der Rauch
einer verglühenden Zigarette.
Eigentlich fühlte er sich nur noch hier wohl.
An seinem Platz an der Theke.
In der Bar.
An einem Ort, an dem alles von Bedeutung war, aber nichts wichtig genommen wurde.
Voll von Paradiesvögeln mit geliehenen Flügeln.
Und solchen, die stumm von der dunklen Seite der Stille kosteten.
Schatten, die ihr eigens Licht verzehrten.
Während die Sehnsucht aus ihren Seelen blickte.
Und sie ihre traurigen Augen öffneten.
Wie Kinder, die einem davonfliegenden Luftballon hinterherschauen.
Mit leeren Händen.
Und vollen Herzen.
Mit einem Schrei kommen wir auf die Welt.
Und diese Blicke zeigten, weshalb.
Harald F. trank.

Jemanden wirklich in die Augen zu schauen, heißt, hinter sein Gesicht zu blicken.
Den Schmerz hinter dem Lächeln zu sehen.
Hinter den Falten die Spuren zu erkennen, die andere im Inneren hinterlassen hatten.
Die Hoffnungen zu entdecken, aus den Wunden wurden.
Ja, manchmal ist der Lauf der Dinge kein Renner.
Das wusste er nur zu gut.
Oft fühlte er sich wie die Gurken in den Gläsern, die er verkaufte.
Eingeschlossen. Gefangen. Dazu bestimmt, um auf dem Teller von irgendjemanden
zu landen.
Harald F. fühlte deshalb stets mit.
Mit allen, die die Wirklichkeit gebrochen hatte,
mit allen, die am Boden lagen,
mit allen, die sich schämten, noch am Leben zu sein.
Keiner von ihnen war schuld, keiner von ihnen war zu feige gewesen,
nein, sie wurden von ihren eigenen Erwartungen geopfert, verkannten die Richtung,
die ihnen das Leben wies.
Bei manchen lief alles rund, bis das Pech um die Ecke kam.
Nun hatten sie sich der Verzweiflung hingegeben, ohne ihre Gefühle zu vergessen.
Die hatten sie ordentlich versteckt in den ausgerissenen Taschen ihrer zerknitterten Kleidung.

Harald F. kannte das.
Ganz unten zu sein.
Nicht mehr atmen zu können.
Er hatte genügend Tiefschläge wegstecken müssen.
Und schmerzliche Abschiede erlebt, die ihn eines lehrten:
Zurück bleiben stets nur jene, die mehr lieben.
Harald F. spürte den Drink auf seiner Zunge.
Was hatte er nicht alles herunterschlucken müssen?
Wie oft hatte er den Mund halten müssen?
Und mit den Federn, die er lassen musste, schmückten sich andere.
Jeder von ihnen hatte einen Traum bestellt und Realität geliefert bekommen.
Aber trotzdem glaubte er unbeirrt an das Gute.
An die Würde, die einem das Verlieren und die Verzweiflung nicht nehmen konnten.
An die Gefühle, die unentwegt noch in einem sind, egal, wo man steht.
Solange ein Herz schlägt, fühlt es.
Und ist der äußere Lack erst einmal ab, kann der Glanz des Inneren hervortreten. 

Man brauchte sich auch nicht vor jenen verstecken, die einem einreden wollten,
alles hinge nur an einer positiven Einstellung.
Eines hatte Harald F. begriffen:
Die, die sich so aufblasen, leben auch nur auf Pump.
Und die, die immer sagen, ihr Glas sei halbvoll, sind gar keine Optimisten.
Die glauben nämlich nicht, dass sie nachgeschenkt bekommen.
Harald F. schob sein leeres Glas über die Theke.

Euer OWS

(Illustration/Bild: Esteban Lopez Fomaz)

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