Harald F. und die Schleifspur des Schicksals

by Oliver W Schwarzmann

Harald F. und die Schleifspur des Schicksals

Harald F. schaute auf seinen Drink.
Das neue Jahr war frisch angebrochen und er hatte seinen „guten“ Rutsch gehabt.
Gleich beim Silvesterfeuerwerk war er auf der Straße in Hundekacke getreten.
Und nein, er wollte sich nicht darüber AUFREGEN.
Wollte gelassen sein, entspannt, am Loslassen endlich festhalten.
Aber es ist ein Los mit dem Lassen.
Es gelang ihm nicht. Und er hatte sich aufgeregt

Nun saß er in seiner Bar. Vor einem Drink, den er immer noch anstarrte.
Was gab es wirklich Neues?
Ah ja – die Bonpflicht. Klasse Einfall.
Auf der Welt brennen die Bäume. Und wir drucken Bons aus. Auf Thermopapier.
Ein weiterer Beleg für die selbstgemachte Klimakatastrophe.
Der Mensch ist von allen Lebewesen die einzige Spezies, die sich bevorzugt selbst schadet.
Und in Scheißhaufen tritt.
Wir hingegen hinterlassen nur verbrannte Erde.
Wen wundert’s – es geht ja auch nur um Kohle.

Ja, Kohle.
Am Anfang des Jahres verwandelte sich sein Konto in ein Schlachtfeld.
Abbuchungen ohne Ende.
Für was man alles blechen muss. Eisenhart.
Wer nur am Geld hängt, ist ein armer Tropf. Zugegeben, aber nicht mehr Blut,
sondern das Geld ist zum Lebenselixier geworden. Darauf haben es die heutigen Vampire
doch abgesehen. Harald F. überkam ein Schauder. Ständig und überall griffen einem die
Geldsauger in die Taschen. Ja, die Taschen hatten die Hälse abgelöst.   
Stets flüssig sein, sein Scherflein ins Trockene bringen, das war, wonach alle strebten.
Manche verwetteten dabei ihr letztes Hemd, weil sie den Kragen nicht vollkriegen konnten.
Gut, auch er hatte einiges investiert, schließlich war er mal Banker gewesen.
Da winkten Gewinne – wie immer von Weitem.
Er hätte es wissen müssen.
Der Rubel rollt, nur in die falsche Richtung.
Er hatte eine Menge Kies in den Sand gesetzt.
Seine Frau tobte.
Harald F. seufzte.
Er wollte das Leben einfach in die eigene Hand nehmen.
Schließlich hieß es ja stets, man sei selbst seines Glückes Schmied.
Was das Leben zu einem heißen Eisen machte.
Und an dem man sich seine Finger verbrannte, wollte man den Spieß einmal umdrehen.

Harald F. dachte über den Tod nach.
Kommt nach dem Ende tatsächlich das Paradies?
Wie sieht es aus? Ein Schlaraffenland?
Wo die Ahnen auf einen warten?
Um Gotteswillen, einigen davon mochte er nicht begegnen.
Und wie soll man sich die Ewigkeit vorstellen?
Geht da alles langsamer und das ständig?
Wenn im Paradies alles ewig dauert, dann ist es auch die Hölle.
Oder?
Harald F. nahm einen Schluck und seine Gedanken wieder auf.

Warum ist denn bisher niemand zurückgekommen und hat berichtet, wie es tatsächlich ist?
Drüben.
Andererseits konnte er das verstehen.
Man stelle sich nur einmal vor, ein Toter käme zurück und würde berichten, das Jenseits wäre tatsächlich das Paradies. Dann würden sich alle wohl gleich auf der Stelle umbringen.
Oder er berichtete, dass die Hölle auf uns alle wartete – dann hätten wir ja noch mehr Angst
vor dem Sterben.
Und ja, man stelle sich nur vor, er würde behaupten, es gäbe nichts, rein gar nichts.
Verlöre dann das Leben nicht die Hoffnung?
Seinen Zauber? Seine Magie?
Harald F. bestellte einen neuen Drink.
Für die Kirchen ist das natürlich ein gutes Geschäft.
Sie versprechen einem das Paradies.
Und müssen ihr Versprechen nicht einlösen.
Denn Tote reklamieren nicht.
Ganz offensichtlich.
Harald F. trank das Glas leer.

Was hat das Schicksal überhaupt mit uns vor?
Gibt es überhaupt ein Schicksal?
Eine Bestimmung? Oder eine Fügung?
Ist es nicht der Zufall, der alles entscheidet?
Harald F. atmete tief durch.
Wie gerne würde er an eine Zukunft glauben. An eine Zukunft, die Großes mit ihm vorhat.
Er wollte immer eine Bedeutung haben, nicht in der Mittelmäßigkeit versinken.
Nicht vergessen werden. Nicht vergessen sein.
Aber von den Vielen hört man so wenig und von den Wenigen so viel.
Er war für die Bühne nicht gemacht.
Obwohl er sich stets als ein Rufer gegen das Wüste verstand.
Aber es waren andere, die die großen Reden hielten.
Aber viel reden macht noch lange nicht redlich. Das hatte er in dieser Welt gelernt.

Und bei allem scherzte er immer, dass er sich das Ende bis zum Schluss aufheben würde.
Tja, nicht der erste Eindruck zählt, hatte er irgendwo gelesen. Den Charakter eines Menschen erkennt man daran, wie er sich verabschiedet, stand da weiter.
Und seinen Abschied wollte er sich nicht nehmen lassen. Nein, seine Totenfeier sollte eine Party werden. Auf der alle sagen würden: Harald F. hat sich ausgelebt.
Er erhob sein Glas und betrachtete sich im Spiegel der Bar.
Nun, das schönste Vermächtnis, das jemand hinterlassen kann, sind Menschen, die sich gerne
an einen erinnern. Ja, das sollten sie alle denken. Das würde ihm gefallen.
Und für die Inschrift auf seinem Grabstein wünschte er sich die Worte:

Harald. F.
Auf dem Weg, Gott ein paar Fragen zu stellen.

Euer Oliver W. Schwarzmann

(Illustration/Bild: Edu Lauton)

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