Über die Kunst, sich trotzdem freuen zu können

by Oliver W Schwarzmann

Über die Kunst, sich trotzdem freuen zu können

Nichts ist schöner als Freude

Freude zu empfinden, ist eine der wunderbarsten Gefühlsregungen, zu denen wir Menschen
fähig sind. Freude löst nicht nur gute Stimmung aus – sie sorgt dafür, dass unser Hirn mit Glückshormonen geflutet wird, und das nicht zu knapp. Freude macht gutes Aussehen und
sie stärkt nachweislich das Immunsystem, unsere beste Krankenversicherung.
Doch ungetrübte Freude scheint es in unserer Zeit kaum bis nicht zu geben.
Klar, eine Menge Bedrohungen krachen auf uns ein: Klimawandel, Coronavirus, Börsenabsturz, Wirtschaftsflaute, Kriege, Flüchtlingskrise.
Kein Grund zur Freude also?

Natürlich sind diese Entwicklungen schrecklich, aber gerade deswegen ist es so wichtig,
den Katastrophen bei allem Mitgefühl persönliche Freude entgegenzustellen.
Ansonsten verdunkelt sich auch unser Alltag. 
Denn Ängste verstärken sich selbst, weil sie uns den Blick für das Positive und Mögliche
verstellen.

Angst in einer Krise – was kann man dagegen tun?

Da sich Ängste verstärken, schwächen sie uns.
Unser Gehirn versucht, sich die Bedrohung auszumalen, um sich bestmöglich darauf
einstellen zu können. Ein evolutionäres Erbe aus unserer Geschichte, in der wir auf alles
gefasst sein mussten. Das ist auch der Grund, weshalb Befürchtungen einen so großen
Stellenwert haben.
Befürchtungen streben nach Bestätigung – weshalb wir plötzlich überall Gründe finden,
weshalb sie eintreffen werden. Das führt u.a. zu Hamsterkäufen. Und selbsterfüllenden Prophezeiungen. Wer das Unheil voraussieht, leidet zweimal.     

Freilich ist es wichtig, wachsam zu sein und den empfohlenen Vorsichtsmaßnahmen zu folgen.
Und Ängste muss man ernst nehmen. Aber sie sind selten gute Ratgeber.
Unser Hirn ist jedoch auch fähig, sich positive Szenarien vorzustellen. Mit der gleichen Intensität
wie unsere Bedenken.
Der Glaube an das Gute, ohne naiv zu sein, stärkt. Und unsere Hoffnungen und Träume
können größer sein als unsere Befürchtungen. Die Welt geht weiter und es wird auch
eine Zeit nach den Krisen geben.
Das Leben ist nie ohne Risiko und Gefahr, trotzdem lohnt es sich.
Es ist eine Frage der Perspektive: Zuversicht besitzt eine unglaubliche Kraft.
Denn sie ist die Basis für Mut und Willen.         

Der Druck wächst

Bei allem Respekt vor den Krisen bremsen nicht nur die allgemeinen Bedrohungen unseren Sinn
zur Freude – es sind auch die vielen Anforderungen, die uns Druck machen.
In einer Gesellschaft, die nur schnelle Sieger schätzt und den superoptimierten Leistungsträger idealisiert, vergeht einem manchmal schon die Lust am Leben. Fatal.
Kein Wunder, dass psychische Probleme die Folge sind.

Diese Belastung wird allerdings zunehmen, auch nach dem Ende der Krisen.
Die Dynamik der Wirtschaft und ihre Komplexität werden uns Menschen weiter herausfordern.
Die Risiken wachsen – und je mehr Unsicherheiten in die Welt kommen, desto selbstsicherer
müssen wir sein. Aber auch die Möglichkeiten erweitern sich, weshalb Kreativität, Eigeninitiative
und Zukunftsvertrauen gefragt sein werden.
Ebenso wie Lebensfreude.

Sich zu freuen, kann man lernen

Ja, sich freuen zu können, kann man lernen. Tatsächlich.
Ich bin kein Psychologe, aber ich kann erzählen, wie ich es angegangen bin.
Als erstes habe ich mir klargemacht, dass ich die großen Krisen nicht ändern kann, keine Chance,
so gerne ich es täte.
Sich an Dingen abzuarbeiten, auf die man keinen Einfluss hat, macht keinen Sinn.
Deshalb sah ich mir meine eigene Situation an und habe mich gefragt:
Was hindert mich, mich freuen zu können?
Zugegeben, da gab es einiges. Schnell habe ich begriffen, dass es überwiegend unerfüllte Erwartungen waren, die mir die Laune vermiesten.   

Und bei weiterem Nachdenken wurde mir bewusst: Freude und Glück sollten nie an Interessen,
sprich: Erwartungen, gebunden sein – weder an denen anderer
noch an den eigenen. Sich nur zu freuen, wenn man es Dritten recht macht oder wenn etwas im eigenen Sinne klappt, ist zu wenig. 

Dankbar zu sein, schafft Freude

Es gibt so viel mehr Dinge auf der Welt, an welchen man sich erfreuen kann.
Zumal, wenn man versteht, dass nichts selbstverständlich ist.
Jeder neue Tag, jeder Sonnenstrahl, jede Blume, jedes Lächeln – ein Geschenk.
Ich fing an, mir bewusst zu machen, dass alles Normale in meinem Leben ein Präsent ist.
Dabei half mir, dass ich als Künstler auch damit vertraut bin, nichts zu haben.
Denn nichts zu haben, hat einen entscheidenden Vorteil: Man schätzt alles.
Das macht einen unglaublich dankbar – und löst immense Freude aus.

Dankbarkeit und Freude hängen eng miteinander zusammen, ja, Wertschätzung und Anerkennung sind ein sicherer Pfad zum eigenen Glück. Spannend ist, dass man dabei lernt, wie wenig man eigentlich braucht, wenn man anfängt, Kleinigkeiten eine große Bedeutung zu verleihen. 

Keine Rechtfertigungen mehr

Gut, im nächsten Schritt habe ich mich intensiv mit allen Erwartungen auseinandergesetzt –
welche Erwartungen von anderen muss, kann oder will ich erfüllen, welche nicht?
In unserer durchökonomisierten Welt ist man ja schnell im Hamsterrad der Notwendigkeiten gefangen.
Nun, bei Erwartungen, die ich erfüllen muss und nicht ändern kann, bemühe ich ich mich,
mein Bestes zu geben. Und – was ganz wichtig ist – meine Einstellung dazu zu ändern: Mit Unumstößlichem versuche ich mich anzufreunden, so gut es geht. Ablehnung bringt nichts, Annäherung schon.

Bei Erwartungen, die nicht notwendig sind, aber trotzdem an mich gestellt werden, entscheide ich,
ob ich sie erfüllen will oder nicht. Dabei lasse ich mich weder drängen noch zwingen, weder ein schlechtes Gewissen machen noch mich von Vorwürfen beeinflussen. 
Ich rechtfertige mich auch nicht mehr – außer bei einem Fehler, ok, da muss man auch fähig sein, sich zu entschuldigen. Und ich helfe gerne – freiwillig. Das macht mir große Freude.
Zu erklären, weshalb ich etwas tue oder weswegen nicht oder warum ich so bin, wie ich bin,
ist ok, mich dafür zu rechtfertigen nicht.

Der Weg zum Glück

Schließlich habe ich mich meinen eigenen Erwartungen gewidmet. Da kam einiges zusammen,
oh wow.
Und es zeigte sich schnell die Erkenntnis – es sind genau jene Erwartungen, die mich unter Druck setzen, weniger die der anderen. Manche Erwartungen anderer habe ich sogar zu meinen eigenen gemacht, auch nicht gut. Also fing ich an, mich von diesen zu verabschieden. Ist halbwegs gelungen, ich arbeite noch daran. Aber allein das befreit schon ungemein.

Zu guter Letzt habe ich viel über Glück nachgedacht.
Wir empfinden Glück, wenn wir etwas erreichen, gewinnen oder wenn der Zufall uns dient.
Das ist ok so. Aber: Wir dürfen unser Glück von nichts abhängig machen, weder von äußeren Gegebenheiten noch eigenen Erwartungen, weder von Egoismus noch Neid.
Nein, Glück ist ein Zustand der Freiheit, der Wertschätzung und Dankbarkeit.
Glück ist die Fähigkeit, den kleinen Dingen gegenüber aufmerksam zu sein und alles in seinem Wert zu achten.
Und die wichtigste Einsicht: 
Glück ist, sich ohne einen Grund freuen zu können.  

Ihr Oliver W. Schwarzmann

 

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