Warum ein Roman?, Teil 1

Wer will das lesen?

Seit über 5 Jahren arbeite ich immer wieder an einem Roman. Der große Traum eines jeden Schriftstellers. Wobei ich eigentlich ein Aphoristiker bin. Also ein Sprüche-Schreiber, der alles Kurze liebt. Ein Satz muss es bringen. Punkt. Das läuft. Fließt mir praktisch vom Hirn aufs Papier. Und die Unternehmen kaufen das. 
Ein Roman? Was soll das?
Eine gute Frage. 
Es ist nicht einmal die Aussicht auf Erfolg, die mich da immer wieder nachts an den Computer ruft oder mich auf Recherche-Fahrten gehen lässt. Es werden so viele Bücher publiziert – von Verlagen und überzeugten Selbstverlegern, ach Gott, da wartet doch niemand auf ein neues Machwerk. 

Natürlich kann man mit Büchern viel Geld verdienen – heißt es im Internet. Man braucht nur eine entsprechende Community. Eine Fan-Gemeinde. Was für eine Binsenweisheit.
Hat man Fans, kann man alles verkaufen.
Doch heute Fans zu kriegen, nun, das ist – gelinde gesagt – eine Herkules-Aufgabe.
Oder pures Glück. 
Aber hey – egal. Mich treibt eine Geschichte um.
Seit über 30 Jahren.
Und ich muss sie mir von der Seele schreiben.
So einfach ist das. Eine Selbst-Therapie sozusagen.
Dass das niemand lesen wird, nun, ok, damit muss und kann ich leben.
Es ist sowieso besser, wenn keiner Notiz davon nimmt. Oder mir keiner glaubt. 
Aber es muss raus.
Ansonsten ersticke ich daran. 
Und ich kann mir nicht vorwerfen, ich hätte es nicht versucht. 
Ihr kennt das. 

Vor 30 Jahren im afrikanischen Dschungel

Du willst wissen, was passiert ist?
Worum es sich bei dieser Geschichte handelt?
Also doch neugierig geworden. 
Nun gut, einiges kann ich ja verraten.
Mitte der 1980er Jahre bin ich mit frisch eroberter Partnerin ins westafrikanische Gambia geflogen. Es sollte ein einfacher Urlaub werden, wie aus einem bunten Prospekt – mit Sonne, Strand, Bars und Bikinis. Doch daraus wurde eine Reise, die ich nie mehr vergessen sollte. Und das nicht wegen der Bars oder Bikinis.
Oder doch wegen einer Bar – während eines Touristen-Ausflugs ins Landesinnere lernte ich  in einer heruntergekommenen Dorf-Spelunke einen Mann kennen. Ganz zufällig. Eine echt seltsame Figur – alt, völlig kaputt und verzweifelt. Dem Tode nahe. Er wollte, dass ich ihm ein Bier spendiere. Ein Trinker also. Aber wohl ein Arzt aus der Schweiz, wie er behauptete. Gut, ich gab nach. Und der Alte erzählte mir daraufhin eine haarsträubende Geschichte. 

Auf der Suche nach dem verschollenen Bruder

Der Alte teilte mir mit, dass er nach seinem Bruder suche – einem Urmenschenforscher, der nach einem rätselhaften Fund plötzlich verschwand. Spurlos. Und er selber sei nun hier gestrandet, einem letzten hoffnungsvollen Hinweis folgend, am Ende seiner Kräfte. Ich glaubte dem Schweizer kein Wort, wollte mich immer wieder losreißen, aber die ausgehungerte Gestalt hielt mich fest. Mit den Armen. Mit den Augen. Mit irgendwas. Also hörte ich mir alles an. Seine Erlebnisse. Sein Vermächtnis. Und eine Aufgabe, die er mir übertrug – ich sollte den Bruder ausfindig machen. 

„Was für ein Quatsch! Du wirst doch darauf nicht hereinfallen“, fauchte mich meine damalige Freundin an. „Der hat dich im Suff angelogen. Du ziehst ständig solche Typen an. Wahrscheinlich, weil du selber so einer bist, ein Verlierer. Worauf habe ich mich da nur eingelassen?“ Weiter ausführen muss ich das nicht. Wir trennten uns, was eine ganz eigene Geschichte ist, aber gut, bleiben wir bei dem Schweizer und seiner rätselhaften Erzählung, die er mir wie eine unheilvolle Saat in den Kopf gepflanzt hat. Und die ich nicht mehr loskriege. Dieser Kackvogel. Wäre ich doch nur niemals in diese Bar gegangen, um mir einen Drink zu holen. Das Schicksal griff einfach nach mir, ich konnte nichts machen. 

Wahrheit, Wunder und die Apokalypse

Ich hatte seinerzeit die ganze Sache zu vergessen versucht. Klar. Der Zoff mit der Freundin war Stress genug. Die machte mich platt. Ab und an recherchierte ich jedoch, fand nicht viel heraus. Also ließ ich es wieder, total frustriert, bekam aber nach und nach massive Alpträume. Der Alte erschien mir, wieder und wieder, ich kriege den Typen nicht los, bis heute nicht. So marschierte ich zu einem Psychiater, einem Freund, der mir das Ganze als Einbildung ausreden wollte. Aber ich stieß ständig auf Indizien, die belegten, dass die Geschichte, die mir der Alte erzählt hatte, tatsächlich wahr sein könnte.
Und ich muss sagen, Leute, das ist ganz und gar keine nette Nummer. Der Bruder, also der ominöse Urmenschenforscher, stieß wohl mit einem Kollegen auf einen seltsamen Schädel, irgendwo im Nirgendwo Äthiopiens. Dazu gibt es noch einen Arzt, einen Hirn-Spezialisten, der zur gleichen Zeit in Berlin einen mysteriösen Patienten zu behandeln hatte. Dessen Gehirn war von einer unbekannten und äußerst eigenartigen Krankheit befallen. Alles passiert in den 1980er Jahren. Und wie sich herausstellte, gehören die beiden Ereignisse tatsächlich zusammen. Aber alles wurde seinerzeit bereits unter den Tisch gekehrt. Im Nichts versenkt. Die Akteure sind auf rätselhafte Weise verschwunden, Unterlagen auch, Zeugen fanden sich keine. Eine Sackgasse. Zum Verrennen. So sah es zumindest zeitweise aus. 
Aber – tata! – mir fielen unter echt merkwürdigen Umständen Dokumente in die Hände, die Klartext sprechen. Und das Ganze ist alles andere als hoffnungsvoll.

Was mache ich nur mit diesem Wissen?
Ich kann es einzig und allein als Roman veröffentlichen – ansonsten wird man mich anzweifeln.
Oder für verrückt erklären. 
Nun, das kann ich durchaus verstehen – auch ich habe 30 Jahre gebraucht, um hinter das Geheimnis zu kommen. Es ist ein Wunder, dass ich es überhaupt soweit geschafft habe.
Aber ich habe die Wahrheit herausgefunden. 
Und ich hätte nie geglaubt, dass unser ganzes Menschsein auf einem fatalen Irrtum beruht. 
Jedes Mal, wenn ich daran denke, wird mir kotzübel. Seither schlafe ich kaum noch. Saufe literweise Bier in mich rein, habe Kopfschmerzen zum Niederknien, sehe aus wie ein Zombie. Doch blickt man mit diesem Wissen in die Welt wird einem alles klar. 
Letzte Nacht habe ich wieder am Manuskript gearbeitet – in der Hitze dieses ungemütlichen Sommers, inmitten der beschissenen Corona-Pandemie. 
Doch eines weiß ich: An Corona werden wir nicht zugrunde gehen. 
Es gibt etwas viel Schlimmeres. 
Zeit für einen Drink, sorry, aber den brauche ich jetzt. 

Vermutlich werde ich mit dem Roman nie fertig – ist vielleicht auch besser so. 
Die Welt wollte diese Geschichte schon einmal begraben.
Warum nicht ein zweites Mal?
Ich halte Euch auf dem Laufenden.
Oder auch nicht. 
Cheers erstmal. 

Euer Oliver W. Schwarzmann

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