Warum ein Roman? Teil 2

by Oliver W Schwarzmann

Warum ein Roman? Teil 2

Am wunden Punkt

Ich hatte versprochen, Euch auf dem Laufenden zu halten.
Eigentlich wollte ich mein Wort brechen – was ein Dichter niemals macht.
Normalerweise.
Doch nichts ist normal, gar nichts. 
Man muss nur aus dem Fenster schauen, in den Fernseher oder aufs Smartphone – alle drehen
im Moment völlig durch.
Die Welt steht am Abgrund, Klima und Stimmung sind aufgeheizt, die Hitze des trockenen Sommers
brennt uns noch in den Kehlen und hat scheinbar unser Hirn versengt. 
Doch die Temperaturen tragen keine Schuld. 
Es ist eine andere Ursache am Werk. 

Wie es mir geht?
Gute Frage. 
Ich stehe an einem Punkt, an den ich nie kommen wollte, von dem ich nicht einmal wusste, dass es ihn überhaupt gibt.
Deshalb wollte ich auch mein Wort brechen, ausnahmsweise, und nichts mehr erwähnen, alles vergessen, hinter mir lassen, aus dem Gedächtnis streichen. Und Euch nicht mehr belästigen. 
Aber ich kann es nicht.   
Tag und Nacht denke ich an die Geschichte aus Afrika, weil ich sehe, wie sie sich nach und nach erfüllt, einer grausamen Prophezeiung gleich, unwirklich, unausweichlich, unaufhaltsam.
Also stehe ich nicht nur als Dichter zu meinem Wort – sondern berichte als Betroffener, trotz oder gerade wegen der beklemmenden Umstände. 
Wer nicht versteht, wovon ich gerade schreibe, den bitte ich, Teil 1 zu diesem  Bericht zu lesen: (https://oliverwschwarzmann.de/warum-ein-roman-teil-1/). Danke. 

Meistens arbeite ich nachts an dem Dokument; schreibe, lese … lese es wieder, immer wieder, kann es nicht glauben, werfe das Meiste weg. Jeder Satz kommt mir vor wie ein Gefasel im Fieberwahn, erscheint unglaublich, abstrus, völlig abwegig. Stoff für Zweifel. Und die fressen mich auf. Langsam, genüsslich, ohne, dass ich mich zur Wehr setzen kann. Ich habe es versucht, glaubt mir. Mehr als oft. Heute weiß ich: Wenn die Hand des Schicksals nach dir greift, kannst du nicht entkommen.
Du kannst nicht weglaufen, dich irgendwo verstecken oder wegstehlen, nein, du musst dich stellen, musst dem, was du nicht sehen willst, direkt ins Antlitz blicken.
Doch das gelingt mir nicht, wie es sollte. Verzeiht mir. 

Die Wahrheit rückt näher

Manchmal schaffe ich es, in der Normalität des Alltags unterzutauchen, in profanen Arbeiten einen Unterschlupf zu finden, vor meinen Gedanken erfolgreich zu flüchten. Für ein paar unbeschwerte Momente. Diese freien Augenblicke genieße ich, doch plötzlich, völlig unvermittelt ist es wieder da, dieses Gefühl, das mir in die Magengrube tritt.
Es lässt dann nicht mehr von mir ab.
Ich spüre, dass ich nicht davonkommen werde, wir alle nicht.
Aber was kann ich schon tun?
Die Wahrheit rückt näher, so viel ist sicher. 

Das Ganze in einen Roman zu packen, ist wohl die beste Idee.
Zu sagen, alles sei Fiktion, frei erfunden, ausgedacht im morbiden Schädel eines Schriftstellers, ja, das schützt.
Und jeder Legende liegt ein Körnchen Wahrheit zugrunde.
Wer daran glauben möchte, kann und wird dies tun. 
Das unheilvolle Vermächtnis wurde mir zwar anvertraut, aber ich bin nicht verantwortlich für die Ereignisse. Weder für die, die geschehen sind, noch für jene, die kommen werden. 

Natürlich bin ich nochmals nach Afrika gereist, habe an den Orten des Geschilderten gesucht,  Menschen gefragt, Dokumente gesichtet, im Staub der Geschichte gewühlt, recherchiert, überlegt
und spekuliert. Einiges bleibt im Dunkeln, weil es keine weiteren Belege gibt; einiges muss im Dunkeln bleiben, ganz gezielt. Doch trotz der Lücken und des bewusst Verborgenen habe ich mir das Ganze weder eingebildet noch zusammengereimt.
Das musste ich nicht.
Es wurde mit der Zeit immer offensichtlicher. 

Wie ein Schatten unter Wasser 

Gleich vorneweg: Den verschollenen Bruder habe ich nicht gefunden. Aber ich stand an Plätzen, an denen der Forscher einst nach dem Unfassbaren gegraben hatte.
Ich folgte seiner Suche und es war mir, als sei er gegenwärtig, als würde er mich beobachten und eines Tages dachte ich sogar, er würde im nächsten Moment hinter einem Felsen hervortreten. 
Vermutlich war das die Gluthitze. Und das viele Bier. Beides verträgt sich schlecht und ruft Schatten hervor, die nur im eigenen Kopf an die Oberfläche kommen. 
Immer wieder musste ich mich übergeben, fühlte mich schwach und verwirrt.
Einmal griff mich sogar eine Spinne an, schwarz, behaart, ein Mordsvieh, das unter einem Stein saß, den ich wegrollte. Groß, gierig und wie in einem billigen Horrorstreifen sprang sie mir direkt ins Gesicht, ans rechte Auge. Ich schrie, spuckte und fuchtelte herum, konnte das monströse Insekt erst nach einer Minute abschütteln. Das kam mir wie eine Ewigkeit vor.
Und wie ein schlechtes Omen.

Danach reiste ich auch quer durch Deutschland und an den Polarkreis. Ich lief den Hinweisen nach, gab Geld aus, das ich nicht hatte, und sitze jetzt auf einem verzweifelten Berg von unheimlichen Beweisen. 
Und auf einer Menge Schulden.
Vorgestern wollte ich die Papiere anzünden, alles verbrennen im Garten.
Doch die Erinnerung lässt sich nicht einäschern. 
So wenig wie die Schulden. 

Heute regnet es schon den ganzen Tag. 
Ich fühle mich, als säße ich unter Wasser. 
Die Ohren dröhnen und mein Mund ist leer. 
Es wird Zeit für einen Drink. 
Und einen Regenschirm. 
Auf bald.
Vielleicht. 

Euer Oliver W. Schwarzmann

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