Was ist die Seele?

by Oliver W Schwarzmann

Was ist die Seele?

Eine sehr inspirierende und ebenso schwierige Frage.
Denn die Seele kann für so vieles stehen und doch wissen wir nicht, was sie wirklich ist.
Für Gläubige ist die Sache klar: Die Seele ist der Atem Gottes. Damit hat er uns das Leben eingehaucht. Und die Seele ist unsterblich.
Hat also kein Ende mit dem Tod, obwohl sie mit der Geburt einen Anfang hatte.
Oder doch nicht?
Falls die Seele ewig währt, folglich kein Ende und keinen Anfang hat, wo also war sie vor
unserem Erscheinen auf der Erde?
Befindet sich die Seele in einem Kreislauf? Einem aus permanenter Wiedergeburt?
Womöglich steht die Seele außerhalb von Raum und Zeit?
Ist ihre Verkörperlichung hier auf der Welt nur ein Gastspiel, um irdische und menschliche Erfahrungen zu machen?
Nur – wozu?
Weshalb benötigt eine göttliche und ewige Seele die Erfahrung als Mensch?
Wenn sie nur in ihrer menschlichen Erscheinung Freude, Liebe, Mitgefühl, Schmerz,
Kummer und Leid erleben kann – was macht sie aus diesen Eindrücken?

Womöglich ist „Seele“ nur ein anderes Wort für ganz menschliche Eigenschaften, wie Geist,
Charakter, Wesen, Gemüt, Haltung, Identität, Selbstbewusstsein.
Vielleicht steht sie auch für unsere Fähigkeit zu träumen. Für Fantasie. Kreativität.
Und unseren Willen. 
Schließlich kann man ja von einer Idee oder Vision durchaus „beseelt“ sein.
Auch die Wissenschaft ist auf der Suche nach der Seele.
Nicht nur die Psychologie, die in den Tiefen des Geistes gräbt, nein, auch die Physik.
Genauer gesagt – die Quantenphysik, die mit ihren rätselhaften Phänomenen
sehr gut zu solch geheimnisvollen Fragen passt. Auch die Medizin stellt sich dieser
unsichtbaren Kraft – bereits im letzten Jahrhundert legte sie den Grundstein für den Mythos,
die Seele wöge 23 Gramm, nachdem man das Gewicht von Menschen kurz vor und kurz nach
ihrem Tod verglichen hatte. Mittlerweile öffnet sich die Medizin lieber dem Zusammenhang
von Körper und Seele im diagnostischen Sinne. Denn ist die Seele krank, zeigt das auch
körperliche Symptome.

Für einen Dichter steckt in der ganzen Welt eine Art „Seelenzauber“.
Wäre die Entwicklung des Lebens nur Notwendigkeiten und Zwängen gefolgt, 
gäbe es weder Vielfalt noch Schönheit. Zumindest nicht in dem Übermaß,
wie wir es vorfinden.
Alles Lebendige erscheint mir daher „beseelt“ zu sein – mit Lebensfreude.
Natürlich können dahinter Instinkte, Triebe, Hormone und Gene stecken, doch die Seele
ist für mich eine Metapher für die „Fähigkeit, Schönheit empfinden und sich an ihr erfreuen
zu können“. 
Und mit dem Bewusstwerden dieser besonderen Eigenschaft entfaltet sich auch die Seele
in uns. Wir werden wacher, offener, sensibler, verständnisvoller, ja – liebender.    
Lieben zu können, ist zweifellos eine weitere, wesentliche Fähigkeit, die mit unserer Seele in Verbindung steht. Hier kommt unser Herz ins Spiel – wer Seele hat, hat Herz. Und umgekehrt.

Tieren und Pflanzen eine Seele abzusprechen, halte ich für falsch.
Ich glaube nicht, dass Lebensfreude ein rein menschliches Phänomen ist.
Ebenso wie die Fähigkeit, lieben zu können.
Wir sind zwar in der Lage, die Form der Wahrnehmung von Fauna und Flora zu beschreiben, hineinversetzen in sie, nun, dazu sind wir nicht fähig. Deshalb wissen wir einfach nicht,
wie und was Tiere und Pflanzen tatsächlich empfinden.
Mir erscheint jedes Geschöpf auf seine Weise beseelt zu sein.
Alles strebt nach Leben, nicht nur nach Überleben, sondern nach dem Genuss daran.

Was also ist die Seele?
Allen religiösen, esoterischen, psychologischen, physikalischen und medizinischen
Beschreibungen möchte ich eine poetische hinzufügen.
Mir gefällt das Bild von einer Seele, die eine innere Instanz ist, in welcher sich die Fähigkeit,
Schönheit erkennen, sich an ihr erfreuen sowie Liebe empfinden und weitergeben zu können, begründet.
Diese Instanz ist das Zentrum unserer Gefühle und zugleich die Basis unseres Wesens,
unseres Charakters, unseres Gemüts. Sie ist die Grundlage unseres Verständnisses für
die Menschen und die Welt. Und auch unseres Gewissens und unserer Vernunft.
Diese Instanz führt uns; sie ist von Geburt an vorhanden und entwickelt sich mit unseren
Erfahrungen weiter. In meinen Augen ist die Seele nicht von Beginn an fertig, sondern sie reift,
wie die Knospe einer Rose, in der bereits schon alles vorhanden ist und die sich nach und nach
öffnet und schließlich entfaltet. Mit dieser Reife verändert sich auch unsere Sicht auf die Dinge. Dadurch gewinnen wir Menschen an innerer Qualität.

Ob die Seele unsterblich ist, kann auch ich nicht beantworten.
Aber ich bin davon überzeugt, dass alle Gedanken, alle Worte und alle Gefühle, die wir aus
unserem Inneren, aus unserer Seele heraus aussenden, wie ein Lichtstrahl sind, der durch
die Welt und den Raum reist.
Und ein Lichtstrahl ist unendlich. Bis er auf Materie trifft.
Auch unsere ausstrahlenden Gedanken, Gefühle und Handlungen treffen irgendwann auf
jemanden, der sie aufnimmt, verstärkt und weiterträgt.
Auf diese Weise wirkt unsere Seele als Inspiration für andere weiter.  
So mögen wir als Person irgendwann unser Ende finden.  Aber das, was uns als Menschen ausgemacht hat und alles, was wir anderen und der Welt gegeben haben, bleibt ewig.
Und somit auch unsere Seele, die in den vielfältigen Facetten unseres Denkens, Fühlens und Tuns – dem unendlichen Lichtstrahl gleich – ihren Weg fortsetzt.   
Unser Anteil vergeht also nicht.
Somit steht Seele vor allem für Verantwortung.
Ein guter Gedanke, finde ich.

Euer OWS

(Illustration/Bild: Jr Korpa)

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