Was treibt Dich an?

by Oliver W Schwarzmann

Was treibt Dich an?

Jeder hat etwas, das ihn antreibt, heißt es in einem Bank-Werbespot.
Und ja, tatsächlich ist es eine Bank, die mich antreibt.  
Doch abgesehen davon – bereits als Kind habe ich tatsächlich etwas in mir gespürt,
das mich „angetrieben“ wie auch „angezogen“ hat.
Irgendwie wollte ich immer etwas Bestimmtes machen, dabei wusste ich eigentlich gar
nicht genau, was.
In manchen Situationen dann, ganz plötzlich, tauchte ein ganz besonderes Gewissheitsgefühl auf – und es wurde mir schlagartig klar: Das soeben war ein Moment, der deinem Inneren entspricht.
Aber dieser außergewöhnliche Augenblick flog schnell wieder weg, ließ sich weder wiederholen
noch vertiefen.
Kennst Du das auch?

Gut.
Wir sind nicht allein.
Aus der Psychologie wissen wir mittlerweile, dass es unbewusste Motive gibt, die uns auf eine
ganz besondere Weise motivieren.
Nur sind sie eben unbewusst, wir wissen also nicht wirklich, um welche Motive es sich tatsächlich handelt.
Aber sie sind da.
Und dass sie da sind, wenn auch unbewusst, merken wir ganz deutlich. Es gibt viele Dinge,
bei denen wir spüren, dass sie nicht die unseren sind.    
Wir können zwar nicht genau sagen, was wir stattdessen möchten – aber es fällt uns offensichtlich leichter, zu benennen, was wir nicht wollen.
Und leider funktioniert die Umkehrung ebenfalls nicht – es wäre ja ein Leichtes, einfach das
Gegenteil von jenem zu tun, was uns keinen Spaß macht.
Klappt leider nicht. 
Tja, unsere innere Stimme ist da, zweifellos, aber sie spricht in Rätseln.
Scheinbar haben wir verlernt, sie zu verstehen.
Doch das können wir ändern.

Über die Jahre hinweg habe ich versucht, meine Emotionen zu beobachten.
Wann und wo, bei wem und was fühle ich mich wohl?
Das ist natürlich äußerst stimmungsabhängig, wie bei der Musik – manchmal brauche ich
eine melancholische Ballade, im nächsten Moment einen Rock-Song.
Dabei habe ich begriffen, dass meine Gefühle nicht eindeutig sind; nicht nur, dass sie in
einem bestimmten Bereich etwas schwanken, nein, sie sind mal so und dann wieder ganz anders.
Manchmal bewegt mich das eine, manchmal das andere, manchmal gar nichts von beidem.
Meine Gefühle und unbewussten Motive scheinen extrem wankelmütig zu sein, ja, zum Teil widersprüchlich.
Mit der Zeit habe ich die Bandbreite meiner Emotionen kennengelernt und es kristallisieren
sich deutlichere Merkmale heraus. Allerdings nur schemenhaft, mehr war bisher nicht drin.  
Doch was sagen meine ungenauen Gefühle über meine unbewussten Motive aus?

Bei der Suche nach jenem, was mich antreibt, habe ich mir auch folgende Frage gestellt:
Wo will ich wirklich hin in meinem Leben?
Wer will ich sein?
Auch darauf fand ich keine eindeutige Antwort.
Ja, gut, ich möchte kreativ arbeiten, Künstler sein, ein Autor und Poet, ein Visionär und Inspirator,
als solcher anerkannt und geliebt werden. Dabei ich sehe ich mich in meinen inneren Bildern gerne
als Schriftsteller, der einer schönen Frau in einem schummrigen Café spontan ein Gedicht widmet.
Zudem ziehen mich die dunklen, undurchsichtigen Seiten des Lebens an.
Die schrecken mich nicht ab – ganz im Gegenteil. 
Wo Abgründe sind, ist auch Tiefe. 
Wo Dunkelheit ist, sind Geheimnisse. 
Und ich hatte stets ein Faible für Gestrandete, Gebrochene und Gestürzte.
Verlierern fühlte ich mich seit jeher mehr verbunden als irgendwelchen glänzenden Erfolgstypen.  
Doch – vielleicht ist das nur der Ausdruck meiner Versagensängste?
Mag sein, ich weiß es nicht.

Wie auch immer, das Ende vom Lied ist, dass ich meinen Gefühlen und Neigungen situativ folge.       
Ich bin zu der Überzeugung gelangt, dass mich meine unbewussten Motive gar nicht irgendwo hintreiben wollen. Mich zu einem bestimmten Ziel führen möchten.
Nein, sie scheinen mir viel eher zu sagen: Sei in jedem Moment so, wie Du Dich fühlst.
Genieße das.
Tue, wonach es Dir in jedem Augenblick ist.
Und mache auf keinen Fall das, was Du im Moment nicht magst.
Das heißt nicht, dass ich es in einem anderen Augenblick nicht tun würde.
Klar – ich hatte die Befürchtung, völlig chaotisch und unberechenbar zu werden.
Aber das Gegenteil ist eingetroffen: Seit ich mich annehme, wie ich in jedem Moment bin und
mich fühle, desto konstanter wird alles.
Dabei habe ich mich von jeglichen Urteilen freigemacht, die ich früher über meine Gedanken,
meine Motive und meine Handlungen hatte.
Nein, ich mache es einfach.
Drauflos sozusagen.

Eines musste ich hierfür aber tun: Ich habe mich von Zielen verabschiedet.
Und, was noch viel wichtiger ist, ich habe meine Erwartungen losgelassen, die mit den Zielen verbunden waren.
Das befreit ungemein. Echt.
Und ich vertraue meinem Inneren, lasse die Dinge laufen, das Leben geschehen – nicht an mir
vorbei, sondern durch mich hindurch.
Durch mich hindurch, das ist ganz wichtig. 

Leistungsoptimierer, Zielfetischisten und Karrieristen kriegen mit mir natürlich einen Vogel.
Sie sagen: „Schwarzmann, du bist gleichgültig geworden. So wirst du nie erfolgreich, wirst nie
Deine Ziele erreichen! Du hast aufgegeben!“
Und ja – was soll ich sagen? – sie haben Recht! Bei mir ist alles gleich gültig.
Ich bewerte nicht mehr.
Und Ziele brauche ich nicht mehr zu erreichen, denn sie sind schon da, verschmolzen mit dem Weg – denn ich folge meinen Neigungen, meinen Überzeugungen, meiner Richtung. 
Eine Richtung zu besitzen, ist mir wichtiger, als Ziele zu haben.
Auch, wenn meine Richtung nicht eindeutig ist, mich vielleicht sogar im Kreis herumführt.
Egal, ich habe aufgehört, mich zu rechtfertigen.
Und ja, ich habe aufgeben, auch da liegen meine Kritiker richtig – und zwar, wie zuvor schon geschrieben, meine Erwartungen. Und das ganz ohne Frust.
Ich habe aber nicht aufgeben, zu leben. Im Gegenteil.
Nur – ich erzwinge nichts mehr.  

Nun, wenn ich eben nicht im klassischen Sinne erfolgreich bin oder es jemals werde, dann scheint
es mir auch nicht sicher zu sein, ob ich das mit den Anleitungen und guten Ratschlägen schaffen würde. Und ob es für mich Sinn macht.   
Ich bin glücklich, nicht in jedem Moment, aber in vielen.
Das Geld ist zwar stets knapp, aber hey, nichts zu haben, hat auch einen Vorteil – man schätzt alles.
Gut, zugegeben, es wäre mir eine große Freude, wenn ich mit meiner Arbeit andere inspirieren würde.
Und auch ein paar Euros mehr verdienen könnte.
Aber irgendwie glaube ich – ganz im Inneren – dass dies passieren wird.
Und das Beste daran ist: Ich bin tatsächlich überzeugt, dass es zu mir kommen wird.
Von ganz allein.

Euer OWS

(Illustration/Bild: Strauss Wester)

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