Wer ist Gott?

by Oliver W Schwarzmann

Wer ist Gott?

Ok.
Ganz klar.
Das ist eine Glaubensfrage.
Gewiss.
Aber ich wollte nicht die bekannte Frage „Gibt es einen Gott?“ stellen.
Das ist nämlich die viel tiefergehende Glaubensfrage.
Und auf die weiß ich absolut keine Antwort.
Nur so viel: Ob ich an einen Gott glaube, kann ich nicht sagen.
Aber ich glaube an die Menschen.
Und an die Liebe.
Die ist anbetungswürdig.
Da gibt es für mich keinen Zweifel.

Das mit der Existenz Gottes ist auch echt eine knifflige Sache.
Die Naturwissenschaften kommen ja ganz ohne ihn aus – die Welt existiert
einfach aus Stoffen und Kräften, die zufällig zusammenwirken.
Zugegeben, das hat überhaupt keinen Charme.
Obwohl die Faszination für den Kosmos eine ganz große sein kann.
Ja, sogar eine Art spirituelle. Denn die Schönheit unseres Planeten vermag
selbst rationalste Zeitgenossen zu verzaubern.  
Man muss also nicht an irgendwelche magischen Kräfte im Universum glauben
und kann sich dennoch in die Sterne verlieben.
Der Mensch ist für Schönheit und Magie ohnehin überaus empfänglich.
Jeder Kulturkreis auf der Erde hat nicht nur die Kunst, sondern eine
erstaunlicherweise sehr genaue Vorstellung über eine höhere Macht im Sinne
eines göttlichen Zaubers entwickelt.
Und das begann bereits schon in der Frühgeschichte des Menschen.
Irgendetwas hatte uns da ganz ordentlich beflügelt.
Nur was?
Der Sternenhimmel?
Wetterphänomene?
Blitze?

Nun, die Evolution leistet sich keinen unnötigen Schnickschnack.
Entwicklung und Auslese arbeiten in der Natur äußerst effektiv.
Und dennoch besitzt der Mensch einen geradezu auffallend ausgeprägten
Hang zum Glauben, was sich im Hirn per Scan auch nachweisen lässt.
Warum nur?
Aus Sicht der Evolution bringen himmlische Gedanken keinen greifbaren Vorteil.
Oder doch – eventuell fördern sie einfach Gemeinschaft und Zusammenhalt.   
Was das Ganze wieder sehr menschlich machte. 
Und ganz und gar nicht unsere spirituelle Sehnsucht und unsere Neigung, 
sich höhere Mächte vorzustellen, erklärt. 
Wie sind wir nur auf diese Idee des Göttlichen gekommen?  
Sind wir einfach geborene Fantasten?
Romantiker?
Großartige Träumer?
Glücks- oder Sinnsucher?
Trauernde, die Hoffnung schöpfen möchten?
Oder können wir uns etwa doch Geschöpfe Gottes nennen?
Ist die Vorstellung von einem Gott vielleicht nichts anderes als eine unerreichbare
Idealisierung des (offensichtlich weniger vollkommenen) Menschen?
Gott als ein über dem Menschlichen stehendes Ideal?
Aber weshalb streben wir überhaupt nach einem Ideal?
Brauchen wir wirklich ein höheres Bild von uns selbst, um unsere Schwächen noch
deutlicher zu erkennen?
Was bringt das?
Eigentlich war die Welt doch in Ordnung: Wir hätten als urzeitliche Primaten auch
ganz entspannt auf den Bäumen sitzen bleiben können.
Aber nein, eine störrische Gruppe davon musste sich aufmachen, die Welt
zu erkunden, sie auch noch zu erobern, um sich schließlich in eng bebauten Reihenhäuschen einzupferchen.
Wieso taten unsere Urahnen das?
Unzufrieden scheinen sie nicht gewesen zu sein – der urzeitliche Wald bot genügend Essen
und jede Menge Zeit für Sex.
Also kein Druck.
Ganz anders als heute.
Auch klimatische Veränderungen – ein gern genutztes Argument in diesem Zusammenhang – vollziehen sich seeeeehr, seeeeehr langsam, kein Grund von jetzt auf nachher loszulaufen
und sich auf das anstrengende Dasein eines (scheinbar) zivilisierten Menschen einzulassen.
So gesehen, eigentlich völlig irrsinnig.

Tja, kommen wir zum Ausgang zurück – wer also ist Gott?
Und warum ist er männlich?
Weil Gott in den Religionen als ein mächtiger Herrscher, gerechter König und
gütiger Vater angesehen wird?
Möglich.  
Doch mächtig, gerecht und gütig – diese Eigenschaften treffen auch auf Frauen zu. 
Oder liegt es schlicht am grammatischen Geschlecht des Wortes?  
Muss Gott überhaupt männlich oder weiblich sein? 
Gott zu personifizieren, ist vermutlich für unseren Zugang wichtig – das Göttliche
wirkt zu abstrakt. zu wenig griffig, einfach zu unpersönlich.
Da kommt keine Nähe auf. Kein Vertrauen. 
Und schließlich will man schon irgendwie eine Vorstellung von jemandem haben,
dem man seine innersten Gedanken anvertraut. 
Gott als höhere Kraft wird vermutlich sowieso über allem stehen, was wir uns Menschen
so zusammenreimen und einteilen.
Und diese Kraft muss große Geduld haben, wenn man bedenkt, was ein Gott alles machen soll 
und was alles auf ihn projiziert wird; Träume, Hoffnungen, Schicksal, Glück, das ist eine
ganze Menge. Da braucht es Verantwortung und Verständnis im übermenschlichen Maß.  
Gott, Ideal, Kraft, Magie oder Zauber, jeder kann sich seinen eigenen Bezug schaffen, sich
sein eigenes Bild machen. 
Es werden wohl immer menschlich geprägte Versionen sein. Männliche oder weibliche.    
In einem Gott scheint sich stets der Mensch zu spiegeln in seinem Wunsch nach Vollkommenheit. 
Und nach unsterblicher Liebe.
Das betrifft uns alle. 
Nun, ich lasse den lieben Gott auch eine gute Frau sein.
Die Vorstellung einer Göttin gefällt mir sogar ausgesprochen gut.
Atemberaubend schön, weise und mit dem Gemüt einer fürsorglichen Großmutter.
Ja, an diesen Gott würde ich gerne glauben.

Euer OWS

(Illustration/Bild: Marc-Olivier Jodoin)

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